Platzreife an einem Wochenende - Die Welt berichtet

Diesen Artikel drucken 30.09.2014

Schafft man an einem Wochenende die Platzreife?

"Wer Golf spielen will, braucht in Deutschland einen Führerschein fürs Grün: die Platzreife. Die sollen selbst talentfreie Total-Anfänger per Crashkurs schaffen – an einem Wochenende. Geht das? 

Jedem Anfang, heißt es bei Hermann Hesse, wohnt ein Zauber inne – ein tiefer, inspirierender Gedanke. Der Mann spielte offenbar kein Golf. Beim grünen Sport ist das mit dem Anfangen nämlich gar nicht so einfach, gilt es doch, eine ganz und gar nicht zauberhafte Hürde zu nehmen: die Platzreife, eine Art Führerschein, manchmal auch "Platzerlaubnis" genannt. Bei der Erlangung dieses Papiers helfen weder monetäre Mittel noch Vitamine der B-Gruppe. Man muss sich das blöde Teil spielend erarbeiten. Damit gehen die Sorgen los. Das gilt besonders für alle, die jenseits der 40 sind – ein typisches Einstiegsalter für diesen Sport, über den heitere Werbebroschüren mit Fotos lächelnder Menschen behaupten, dass man ihn mühelos bis ins hohe Alter praktizieren könne.

Neues Lernen

Wer aber in der mittelalterlichen Phase des Lebens schon einmal versucht hat, etwas Neues gründlich zu lernen, zum Beispiel die hohe Kunst des Violinenspiels oder das Snowboarden, der weiß: Die Leichtigkeit des Lernens motorischer Abläufe korreliert negativ mit der Anzahl durchlebter Lenze. Viele Golfclubs und -hotels im Lande lässt diese Lebensweisheit kalt – sie machen auf Zweckoptimismus. Man könne, behaupten sie, die Sache mit der Platzreife, Diplom vom Deutschen Golf Verband inklusive, quick-and-dirty hinter sich bringen. Drei Tage, und die Sache sei geritzt. Erwiesene Talentfreiheit bei Tennis, Völkerball, Boccia und anderen Ballspielen? Kein Problem. Peter Klaus Müller, der joviale Direktor des "Castanea"-Golfhotels in der Lüneburger Heide, winkt an der Stelle gleich ab, um gar nicht erst Panik aufkommen zu lassen. "Einfach nicht nachdenken", sagt er zur Begrüßung, "herkommen, dem Pro anvertrauen." Ein "Pro" – es schadet Greenhorns nicht, dies zu wissen – ist ein "professioneller" Golfer, der Guru also, der einen reif macht für den Club.

Extra-Sympathiepunkte für den Raucher

Wir, die Kandidaten, treten zu fünft an, und der Gott der kleinen Bälle, der uns per Wochenendkurs das Golfspiel beibringen soll, heißt Allan White. Er ist 31, spricht fließend Deutsch und stammt aus Glasgow in Schottland, wo dieses Hobby einst inmitten grüner Hügel und schwarzer Lochs erfunden wurde. Sein Gemüt ist von der unaufgeregten Art, und dafür, dass Allan in seinem schwarzen Trainingsanzug heimlich-verschämt hinterm Clubhaus raucht, gibt es Extra-Sympathiepunkte. Zwei Narben verleihen seinem Gesicht Charakter. Die eine – mit elf Jahren, Kinn – kommt von ungeschicktem Radeln. Die andere – Augenbraue – hatte ihm drei Jahre vorher sein Bruder ins Gesicht gehackt, natürlich mit einem Golfschläger. Kleine Schottenkinder, dies am Rande, lernen ihren Nationalsport in der Schule.

Am Freitagmorgen um halb neun scheucht Allan seine Zöglinge auf die Driving Range. "Also Leute", lauten seine ersten Worte nach Durchsetzung des Zwangs-Dus im Trupp, "beim letzten Mal sind drei von fünf durchgefallen", alles klar?

Zum Auftakt des Crashprogramms stehen Abschläge mit Eisen Nummer sieben auf dem Stundenplan. Unsere Ad-hoc-Schicksalsgemeinschaft – vier Frauen, ein Mann – ist durchweg jenseits der Jugend. Maria, eine 57-jährige Selbstständige aus Nordhorn, ist multitalentiert, zurzeit beruflich als Kantinenmanagerin aktiv und privat als Hirschtöterin. Ihre beste Freundin Anja, 47, macht in Hörgerätschaft und findet schüchtern, dass Maria "manchmal etwas verrückt" sei. Berrit aus München will mit 53 lernen, was ihr Mann schon lange kann. Anke schließlich, Mitte 40, fragt als Erstes, ob man bei diesem Sport rauchen dürfe. Glücklicherweise darf man; ist ja an der frischen Luft.

Deppentauglicher Kunstrasen

Vergessen Sie Hesse: Dem Anfang wohnt ein Schaudern inne, zumindest jenem in unserer Golfstunde. Jeder erfahrene Spieler weiß, dass Golf eine Übung in stoischer Demut ist. Der Anfänger weiß das noch nicht, ahnt aber, dass es eine peinliche Nummer werden könnte. Intuitiv erschließt sich dem Neuling, dass Golf schwieriger sein könnte als Nordic Walking, ein beliebter Seniorensport.

Das Grün so groß, der Ball so klein, und ihn überhaupt zu treffen, nicht die Luft oder den Erdengrund, ist anfangs ein Kunststück – gar nicht zu reden vom hübschen Parabelflug in Richtung des roten Dings am Horizont, was die Fahne auf der Stange im Loch ist. Aus gutem Grund hat sich in den Driving Ranges der Welt unverwüstlicher, deppentauglicher Kunstrasen durchgesetzt.

Allan, ganz Profi, erklärt, macht vor, verbessert, lobt und arbeitet im Laufe des Morgens im Stundentakt ein straffes Trainingsprogramm ab. Nach den Abschlägen wird geputtet, anschließend gechippt und gepitcht – und nach dem Lunch ziehen fünf Debütanten mit geliehenen Ausrüstungen, dreirädrigen Handrollern und Weltuntergangsvisagen auf den Kurzplatz. Der heißt so, weil er überschaubare Bahnen hat, auf denen sich trefflich üben lässt, ohne dass Anfänger den regulären Golfplatzbetrieb aufhalten würden, eine Art Spielplatz für Halbstarke. Die erste Bahn, die ersten Swings – und unsere Bälle wandern, zugegebenermaßen in kleinsten Etappen und auf erheblichen Zickzack-Umwegen, vom Abschlag aufs Green und ins Loch. Das kostet mehr Schläge als in einem Boxkampf, aber egal. Wir finden unsere Premiere im wahren Sinne des Wortes wunderbar. Geht doch. Als Ende Gelände ist, haben wir tatsächlich irgendwie 18 Löcher hinter uns gebracht. Der Abend dreht sich folglich um die therapeutische Behandlung von Blasen an den Händen und das Föhnen durchnässter Schuhe. Er endet früh.

 

Die Platzreifeprüfung naht

 Der zweite, letzte Lehrtag deckt das emotionale Spektrum von "himmelhoch jauchzend" bis "zum Tode betrübt" ab. Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht allzu ernst. Von Verzweiflung angesichts der in Kürze anstehenden Platzreifeprüfung will Charmebolzen Maria nichts wissen. "Ich habe Spaß", sagt sie lapidar und erklärt beim Chippen zwischendurch noch rasch die Feinheiten von Hetz-, Treib-, Schlepp- und Drückjagd. Auch für den Fall, dass in der Heidenatur plötzlich ein wilder Keiler auftauche, weiß sie praktischen Rat: Man möge stets eine Kurzwaffe mit sich führen, sie selbst favorisiere in solchen Situationen ihre Magnum und einen Revolver. Auf dem Golfplatz lernt man fürs Leben.

Weder beim Führerschein noch bei der Platzreife ist es mit dem praktischen Teil getan. Der Neuling muss auch theoretisch wissen, was er tut und darf. Allan weist die Gang mithilfe von Bleistiften, Schultafeln und Mathematik in die regulatorische Seite des Golfens ein. Die ist nicht ohne und reich an Jargon. Auf Bogeys, Birdies, Eagles und Divots folgen die verschiedenen bunten Stöckchen, die auf Golfplätzen im Boden stecken, und die fünf Spielarten des Balldroppens, nicht zu vergessen die Stableford-Zählweise, ohne die man in der Prüfung die Scorecard nicht ausfüllen kann. Kurz: Die Sache wird immer kniffliger.

Was nichts daran ändert, dass am Sonntagmorgen Punkt acht Prüfung ist – zu extra früher Stunde, weil der Platz noch leer ist und Dilettanten mit ihrem hoffnungslosen Geschlage niemandem in die Quere kommen. Unproblematisch und undurchfallbar ist der Auftakt, die vorgeschriebene Platzbegehung mit dem Pro, die vor allem dafür sorgt, dass sich später niemand verläuft und alle halbwegs in die richtige Richtung spielen.

 

Ball fliegt weiter

 Auf den theoretischen Teil folgt dann der große Nervenkitzel, der Praxistest, bei dem neun Löcher zu spielen sind, von denen sechs gewertet werden. Um die Dramatik zu veranschaulichen: 48 Stunden zuvor konnte man beim Golf rein gar nichts, und plötzlich steht man am Abschlag einer Bahn, die 400 Meter lang ist und für die man acht Schläge hat oder so, sonst null Punkte und auf Wiedersehen. Tja. Auf der erfreulichen Seite ist zu berichten, dass Anke gleich die Fahnenstange trifft, leider prallt der Ball aber ab und fliegt weiter nachBrasilien.

Aber es gibt sie noch, die kleinen Wunder: Allan verkündet vor dem Mittagessen, dass in unserer Gruppe alle mit Einsatz und Geschick die Prüfung geschafft haben. Er verteilt unter Applaus Zettel mit Stempel und Unterschrift, die Platzerlaubnis attestieren. Ein zauberhafter Anfang."

Quelle: Die Welt

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